Interview mit Laura Cazés
Im Rahmen des KuKu-Projekts „Jews in the News“
Dieses Interview mit Laura Cazés von der ZWST war Herzstück des KuKu-Projekts „Jews in the News“. Im Vorfeld auf das Interview überlegten sich die Kinder abhängig von Lauras Person und eigenen Interessen die Fragen, die sie gemeinsam kategorisiert und priorisiert haben.
@Foto: v.li.: Laura Cazés und Interviewerinnen Deborah Meller, Elsa Loschinski, Miriam Fischer
Als du das erste Mal in einer Synagoge warst, was hast du damals gefühlt?
Laura Cazés: Das ist eine spannende Frage. Ich muss überlegen, ob ich mich daran erinnern kann, wann ich das erste Mal in einer Synagoge war. Ich bin in München geboren und dann auch in die Gemeinde gegangen. Ich glaube, meine ersten Erinnerungen in einer Synagoge sind zum Beispiel gar nicht von einem G’ttesdienst, sondern von einer Kindergarten-Spielgruppe, an die ich so eine erste super frühe Kindheitserinnerung habe, als meine Mama mich in die Spielgruppe gebracht hat und wir immer an der Synagoge vorbeigegangen sind. Und Fun Fact, das ist die Synagoge, die wiedereröffnet wurde in München, die Reichenbach Synagoge, wo Friedrich Merz geweint hat. Im hinteren Raum, da war diese Krabbelgruppe. Ansonsten an hohen jüdischen Feiertagen, weil ich komme nicht aus einer religiösen Familie, aber wir sind natürlich an den Feiertagen in die Synagoge gegangen, und das heißt, meine Erinnerung ist irgendwie stark an meine Eltern und meine Oma geknüpft.
Wie ich mich gefühlt habe? Ich weiß gar nicht, ob ich so ein konkretes Gefühl dazu habe, das ist irgendwie so ein Safer Space? Das hat sich angefühlt wie ein geschützter Raum, in dem Sachen passieren, die ich verstehe.
Wie kann man jüdische Identität in Deutschland bewahren?
Ihr stellt Fragen, die normalerweise nicht gestellt werden. Das gefällt mir sehr gut (lacht). Ich glaube, was ganz wichtig ist, dass Personen, die jüdisch sind, das Gefühl haben, dass sie das selber bestimmen können, und das kann ganz vieles heißen.
Das kann heißen, dass man einen besonderen Bezug hat zu religiösen Bräuchen, dass man es schön findet, an den Feiertagen oder an Schabbat mit seiner Familie zu sein, das kann aber auch ganz andere Dinge bedeuten. Das kann irgendwie die Erinnerung von den Großeltern sein, es kann Essen sein oder Musik oder singen oder tanzen im Jugendzentrum oder auch Machane. Es kann aber auch irgendwie ein Buch oder ein Film sein, mit dem man sich total identifizieren kann, weil das so einen Teil der eigenen Geschichte widerspiegelt, über die man so vielleicht noch gar nicht richtig nachgedacht hat. Und ich finde, dass das allerwichtigste, wie jüdische Identität in Deutschland bewahrt werden kann, ist, dass jüdische Personen das selber entscheiden und dass man sie auch lässt, also, dass nicht jemand anderes für sie entscheidet.
Wie ist es für dich, in Deutschland jüdisch zu sein, und fühlst du dich frei?
Bestimmt anders als für meinen Papa. Mein Papa ist nicht in Deutschland geboren. Mein Papa ist in Argentinien geboren und mein Papa sagt zum Beispiel immer erst, dass er Argentinier ist, und dann Jude. Meine Mama sagt was ganz anderes. Meine Mama sagt: „Ich bin zuerst Jüdin und danach kommt erstmal ganz lange nichts.“ Es hat auch damit zu tun, dass ihre Eltern Shoah-Überlebende waren, die gar nicht aus Deutschland kamen, sondern aus Polen und in Deutschland eigentlich nur zufällig gestrandet sind. Es war eigentlich nie so geplant, dass sie hier in Deutschland ihre Kinder großziehen und meine Mama war auch die Einzige ihrer Geschwister, die in Deutschland geboren ist, und deswegen ist es auf der Seite von meiner Mama ein bisschen komplizierter, wie sie sich selbst bezeichnen würde. Gleichzeitig ist deutsch halt so auch eigentlich ihre Kernsprache, aber mein Papa beantwortet das ganz anders.
Das heißt, in meiner Familie ist es schon so, dass alle Familienmitglieder diese Antwort, also diese Frage unterschiedlich beantworten und das ist bei mir auch irgendwie genauso abgespeichert. Für mich ist Deutschland das Land, in dem ich geboren wurde und auch eine der Sprachen, die ich zu Hause spreche.
Aber ich bin schon auch in einem Bewusstsein aufgewachsen, in der die Geschichte meiner Großeltern, also der Eltern von meiner Mama, eine sehr präsente Rolle gespielt hat. Das heißt, es ist auch nicht immer so einfach zu sagen: „Ich bin Deutsche”, weil natürlich hier auch sehr viele Sachen passieren. Das war ja auch Gegenstand dieser Tagung („Unter Druck. Medien und Antisemitismus“, Bericht in der Oktober-Ausgabe, Anm. d. Red.), dass es Kontinuitäten gibt und auch in der deutschen Gesellschaft häufig nicht so genau verstanden wird, wie sie eigentlich selbst Antisemitismus weiter produziert. Damit beschäftige ich mich ja auch sehr viel, weil es mich auch interessiert und weil ich es besser verstehen will. Ich will es auch besser verstehen und gleichzeitig empfinde ich mich schon auch als Teil dieser Gesellschaft und ich bin hier geboren und hier aufgewachsen. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens in Deutschland in unterschiedlichen Städten gelebt. Ich gehöre hier auch dazu; und ob ich mich frei fühle als jüdische Person? Ich möchte mich gerne frei fühlen, ich glaube, die Verhältnisse lassen das nicht so ganz zu, das ist aber nicht nur in Deutschland so.
Welche Rolle spielt Social Media für die Sichtbarkeit jüdischer Stimmen?
Ich glaube, dass Social Media mit ein Grund dafür ist, dass jüdische Lebensrealitäten heute viel sichtbarer geworden sind, dass jüdische Personen selbst auch am Dis-kurs teilhaben können und eigentlich ihre Geschichte selber erzählen können, und das finde ich total spannend, weil vor allem viele Personen, deren Eltern beispielsweise aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion sind, so vielleicht noch gar nicht ihre Geschichten selber erzählen konnten oder in ihrem eigenen Verständnis, Dinge so darzustellen, wie sie sie sehen und sich selber eben auch oder die Dinge, die sie beschäftigen.
Und gleichzeitig sind Social-Media-Plattformen natürlich ein sehr kompliziertes Medium, weil es auf der einen Seite Räume sind, in denen Menschen sich Informationen beschaffen, aber auch sehr viel verbale Gewalt verbreitet wird, wie Antisemitismus, aber auch andere Diskriminierungsformen. Wir haben ein großes Problem mit Desin-formationen und Fake News, die sich sehr schnell auf Social Media verbreiten, und das ist natürlich etwas, was Jüdinnen:Juden ganz direkt auch betreffen kann, in Form von Kommentaren, Messages oder in denen ihre eigenen Posts irgendwie anders verwendet werden oder aus dem Kontext gerissen. Und das ist etwas, was ich schon als ein großes Problem empfinde, was eigentlich ein Kernproblem ist, wenn wir über diese Plattformen sprechen, dass sie noch viel stärker reguliert werden müssen. Für die Sichtbarkeit, würde ich aber dennoch sagen, haben sie in den letzten Jahren eine ganz große Rolle gespielt.
Was motiviert dich trotz der schwierigen gesellschaftlichen und politischen Lage weiterhin im Bereich soziale Gerechtigkeit und der Unterstützung von (jüdischen) Migrant:innen zu arbeiten?
Ich muss sagen, dass ich in den letzten Jahren, in denen so viele Krisen aufeinander folgten, noch nie so stark das Gefühl hatte, wie wichtig meine Arbeit ist und wie viel Sinn sie mir gibt. Während des 7. Oktobers zum Beispiel habe ich parallel zu meiner hauptberuflichen Tätigkeit bei der ZWST noch einen Podcast für den WDR moderiert. Nach jeder Aufnahme war ich unglaublich erleichtert, diesen zweiten Job zu haben, in dem ich nicht erklären musste, wie es mir geht. Wenn mich nichtjüdische Kolleg:innen gefragt haben, wie es mir geht, war die einzige Antwort, die ich geben konnte: „Ich möchte gerade nicht darüber sprechen.“ Ich wollte nicht, dass dieses unfassbare Ereignis gleichrangig behandelt wird wie „Ich habe viel Stress“ oder
„Wir müssen umziehen“. Deshalb habe ich oft gesagt, dass ich nicht darüber sprechen möchte.
In solchen Situationen habe ich gemerkt, wie sehr ich es als Ressource empfinde, einen Job zu haben, in dem ich mich mit ganz alltäglichen Dingen beschäftige: E-Mails schreiben, Meetings, Projektberichte, Anträge. Besonders in Krisenzeiten – das war auch so, als der Krieg in der Ukraine anfing – ist es entlastend, ins Büro zu gehen und nicht alles erklären zu müssen. Wenn ich sehe, dass es meinen Kolleg:innen auch schlecht geht und wir manchmal kurz zusammensitzen und uns gemeinsam die Haare raufen, habe ich weniger das Gefühl, völlig abgekoppelt von allen anderen zu sein.
Gleichzeitig weiß ich, dass meine Kolleg:innen sich konkret um Menschen kümmern, die Unterstützung brauchen, und auch wenn ich als Verantwortliche für Kommunikation und Digitalisierung eher indirekt dazu beitrage, weiß ich, dass meine Arbeit etwas hinterlässt. Das ist sehr sinnstiftend. Viele junge Menschen wünschen sich heute einen Beruf, bei dem sie wissen, dass ihre Arbeit „ankommt“ und Bedeutung hat. Für mich ist das genau der Fall. Ich weiß, warum ich morgens aufstehe – nicht nur, um meine Miete zu bezahlen, sondern weil ich etwas tue, das für andere Menschen wichtig ist. Das motiviert mich jeden Tag.
Was denkst du, können andere Communities von den jüdischen Communities im Bereich Integration lernen?
Ein Ansatz, der unsere Arbeit sehr prägt, stammt aus der jüdischen Sozialethik und hängt mit dem Konzept der Zedaka zusammen. Es beschreibt, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens einmal Unterstützung braucht und gleichzeitig selbst in Situationen kommt, in denen er anderen helfen kann. Dieses Prinzip zieht sich sehr stark durch unsere Arbeit. Menschen, die selbst Unterstützung erhalten haben, sind häufig diejenigen, die später sagen: „Jetzt möchte ich auch helfen.“
Das sieht man aktuell sehr deutlich: Viele Menschen, die in den letzten drei Jahren aus der Ukraine geflohen sind, engagieren sich heute aktiv in sozialen Kontexten und geben die Unterstützung weiter, die sie selbst bekommen haben. Das ist ein unglaublich wirkungsvoller Ansatz, um Communities aufzubauen und zusammenzuhalten.
Gleichzeitig betonen wir immer, dass Integration keine Aufgabe ist, die man in drei Jahren „abhaken“ kann. Politik stellt es oft so dar: Sprachkurs, ein paar Maßnahmen und dann läuft es schon. Aber gerade für ältere Menschen, die fliehen mussten, ist es schwer, gesellschaftlichen Anschluss zu finden, eine neue Sprache zu lernen oder einen Job zu bekommen. Integration wird häufig falsch verstanden. Es ist eine langfristige gesellschaftliche Aufgabe, bei der auch Bilder und Vorurteile, die Menschen über Geflüchtete haben, eine Rolle spielen. Das ist komplex, aber genau darin liegt eine wichtige Lektion, die man aus jüdischen Communities lernen kann.
Was gibt dir Kraft, über jüdische Themen zu erzählen, trotz Hate und Hass?
Ich erzähle euch von einer Veranstaltung, die mich kürzlich sehr inspiriert hat. Kraft gibt mir, dass wir zwar in einer herausfordernden Zeit leben, sich aber gleichzeitig unglaublich viel weiterentwickelt. Man spürt, wie Menschen sich gegenseitig inspirieren, nicht nur durch „große Vorbilder“, sondern auch durch Personen aus der eigenen Community, denen man online folgt und merkt: „Wow, die sagen gute Dinge, die folgen sogar mir.“ Dieses Gefühl von gegenseitiger Inspiration ist sehr wertvoll. Vor zwei Wochen haben wir in Frankfurt den siebten Jewish Women Empowerment Summit organisiert. Es ist jedes Jahr eine großartige Veranstaltung, weil so viele Menschen zusammenkommen, die aktiv zu jüdischen Lebensrealitäten arbeiten, aufklären, Inhalte erstellen oder als Influencer:innen sichtbar sind. Der Austausch ist unglaublich stärkend. Man erkennt, wie viele beeindruckende Menschen es in unserer Community gibt – viel mehr, als man im Alltag sieht. Und oft bekommen diese Personen gar nicht die Sichtbarkeit, die sie verdienen. Der Summit ist deshalb für mich jedes Jahr ein Highlight. Dort sieht man die ganze Pracht und Schönheit, die in unserer Community steckt.
Welchen Missverständnissen begegnest du am häufigsten in Bezug auf jüdisches Leben?
Es gibt so viele, dass ich manchmal gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Ein häufiges Missverständnis ist, dass jüdische Identität ausschließlich an Religion gebunden ist. Als ich 2022 einen Sammelband mit zwölf jüdischen Autor:innen herausgegeben habe und daraus las, begegnete mir dieses Missverständnis ständig. Menschen sagten: „Ich werde als Christ ja auch nicht gefragt, wie ich etwas als Christ sehe.“ Dann muss ich erklären, dass ich nicht als religiöse Person spreche, sondern als jüdische Person in Deutschland – im Täterland. Das ist für viele schwer zu verstehen, besonders für Menschen, die sich wenig mit der Geschichte ihrer Familie auseinandergesetzt haben oder vielleicht noch nie bewusst einer jüdischen Person begegnet sind. Viele ältere Menschen sagen mir, dass sie noch nie eine jüdische Person getroffen haben, und sind ganz überrascht, dass wir ganz normale Menschen sind.
Wie bist du dazu gekommen, bei der ZWST zu arbeiten? Hat sich das einfach so entwickelt?
Ich war früher sehr aktiv im Jugendzentrum, bei der Jewrovision, auf Machanot, alles Mögliche. Aber ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal für eine jüdische Organisation arbeiten würde, erst recht nicht für die ZWST, bei der ich lange ehrenamtlich war. Eigentlich dachte ich, ich würde im Bereich politische Bildung arbeiten. Ich habe Psychologie studiert und wusste: Entweder werde ich Psychotherapeutin oder ich arbeite im politischen Bildungsbereich. Aber nach meinem Studium wurde eine Stelle für den deutsch-israelischen Freiwilligendienst ausgeschrieben. Das Projekt war bei der ZWST angesiedelt, aber sehr offen und divers, weil ich viel mit nichtjüdischen Organisationen in Deutschland und auch mit arabischen und palästinensischen Israelis in Israel zusammenarbeiten sollte. Das fand ich unglaublich spannend.
Ich habe so viel gelernt – über die israelische Gesellschaft, arabische Israelis, Identitätsfragen, Parallelen zu jüdischem Leben in Deutschland. Ich dachte, ich würde das zwei Jahre machen und dann meinen Master anschließen, aber jetzt bin ich seit zehn Jahren bei der ZWST, inzwischen in einer anderen Funktion. Dazwischen war ich auch im Vorstand der European Union of Jewish Students. So bin ich eine Person geworden, die sehr viel über jüdisches Leben publiziert, auch wenn das nie mein ursprünglicher Plan war.
Ich habe gelernt, dass wir selbst manchmal ein falsches Bild davon haben, was es bedeutet, in jüdischen Organisationen zu arbeiten. Für mich ist es heute eine positive Ressource, und ich glaube, viele Menschen suchen inzwischen nach beruflichen Möglichkeiten, die sich geschützt anfühlen. Leider wird die gesellschaftliche Situation nicht einfacher werden, aber vielleicht wird deshalb diese Arbeit noch wichtiger.
Gibt es ein Projekt, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Der Jewish Women Empowerment Summit ist jedes Jahr mein absolutes Lieblingsevent. Aber auch mein erstes Projekt, der deutsch-israelische Freiwilligendienst, war unglaublich prägend. Es war spannend, es aufzubauen, und heute macht eine Kollegin aus Köln die Koordination weiter, die Kontinuität freut mich sehr.
Sehr eindrucksvoll war auch die Arbeit rund um das 100-jährige Jubiläum der ZWST. Dabei habe ich viel über die Geschichte der Organisation gelernt: Sie wurde hauptsächlich von Frauen gegründet und hat maßgeblich dazu beigetragen, soziale Arbeit in Deutschland zu modernisieren. Vieles davon ist heute kaum bekannt, weil die Geschichte während der NS-Zeit unsichtbar gemacht wurde. Mich damit zu beschäftigen, hat mir einen neuen Blick auf meine eigene Arbeit gegeben und viele Impulse für die Zukunft.




