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Stolpersteine: Glanz statt Hetze

Stolpersteine: Glanz statt Hetze
Oberbürgermeisterin Henriette Reker rief die Kölner Bevölkerung auf, an der Aktion „Glanz statt Hetze“ teilzunehmen und Stolpersteine zu putzen. Diese erinnern an deportierte und ermordete Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, an politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zwangsarbeiter und Opfer der „Euthanasie“, und werden an den Orten verlegt, an denen diese Menschen vor ihrer Flucht oder Verhaftung gelebt haben.

Die Aktion fand vom 11. bis 17. August 2020 statt in Zusammenarbeit mit den Institutionen und Vereinen NS-Dokumentationszentrum, EL-DE- Haus e.V; Kölner Lesben- und Schwulentag e.V.; Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V.; Liberal-jüdische Gemeinde Gescher LaMassoret e.V., Maro Drom e.V.; Rom e.V. sowie der Synagogen-Gemeinde Köln. „Es ist unsere Aufgabe, das Geschehene vor dem Vergessen zu bewahren, der Geschichtsklitterung und der Schlussstrichmentalität durch Aufklärung vorzubeugen“, betonte Oberbürgermeisterin Henriette Reker.

Für die Organisatoren der Aktion „Glanz statt Hetze“ ist das Putzen der Stolpersteine „nicht nur ein Akt des Gedenkens, sondern eine Aktion, die politisch ausgerichtet ist … Immer glänzende Stolpersteine sollen ein deutlich sichtbares Zeichen gegen Hetze, Hass, Rassismus, Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus sein und durch ihren Glanz allen zeigen, dass braunes Gedankengut in unserer Nachbarschaft, in Köln und anderswo keinen Platz hat.“

In ganz Köln sind rund 2.400 Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig verlegt. Viele von ihnen haben im Laufe der Zeit ihren Glanz verloren. Hinter diesen Steinen verbergen sich sehr unterschiedliche Schicksale.

Anlässlich der Aktionswoche „Glanz statt Hetze“ lud die Oberbürgermeisterin am 12. August zusammen mit den Mitinitiatoren zu einem Rundgang durch die Kölner Altstadt ein, der an den Stolpersteinen für Josef, Rosa, Dora und Damon Brzezinski vor dem Haus an der Mühlengasse 14 begann.

Vorstandsmitglied Bettina Levy mit ihrem Sohn Aaron vor dem Stolperstein für Heinrich Malmedy

Josef Brzezinski war als Zuschneider bei der Firma Max Freitag tätig, 1933 wurde er wegen seiner „nichtarischen“ Abstammung entlassen. Als gelernter Kürschnermeister eröffnete er im Wohnhaus der Familie ein Kürschnerei- und Mützenmachergeschäft. Durch die zunehmende Bedrohung war die Familie gezwungen sich zur Emigration zu entscheiden und floh 1938 nach New York.

„Jeder kann ganz einfach die Stolpersteine in seiner Nähe wieder zum Glänzen bringen“, sagte die Oberbürgermeisterin. „Aktive Bekenntnissteine“ sollen die Bodengedenktafeln durch die Pflege derjenigen werden, die sie so in Ehren halten, betonte Rafi Rothenberg von der Liberal-jüdischen Gemeinde, der diese Aktion initiierte.

Dr. Werner Jung machte deutlich, dass auch die Kölner schuldig wurden – es geht nicht nur um die Opfer, sondern auch um die Täter, Mitläufer, die ihre jüdischen Nachbarn und Kollegen diskriminiert oder denunziert haben. „Das Geschäft und die Werkstatt wurden geplündert und die leeren Räume wurden neu bezogen“, sagte der Direktor des NS-Dokumentationszentrums. „Es gibt im Internet ein Kataster über die Standorte. Es wäre schön, wenn Bürger sich um die Steine in ihrer Nähe kümmern würden, damit es kein Vergessen gibt.“

Nicht weit entfernt, in der Salzgasse, erinnert ein Stolperstein an Heinrich Malmedy. Malmedy wurde 1887 in Köln-Mülheim geboren. Da er ohne feste Arbeit und Wohnsitz war, stufte die Kölner Kriminalpolizei ihn als »asozial« ein, er wurde im Juni 1944 in das KZ Natzweiler-Struthof deportiert, von dort in das Konzentrationslager Dachau überstellt und am 31. Januar 1945 ermordet.

„Indem man die Steine poliert, gibt man den Menschen, deren Name darauf steht, neuen Glanz. Dadurch strahlen ihre Geschichten in unsere heutige Zeit. Unsere Aufgabe als Gesellschaft, als Menschen, ist es, diese Menschen, ihre Schicksale in Erinnerung zu behalten. Heute müssen wir darauf achten, dass besonders Menschen die gerne ausgegrenzt werden – den Schwächsten, denen, die anders sind – ein Zuhause in unserer Gesellschaft gegeben wird“, sagte Vorstandsmitglied der Synagogen-Gemeinde Köln Bettina Levy, nachdem sie und ihr zehnjähriger Sohn Aaron den Stein geputzt hatten. Aaron las nach der Reinigung die Inschrift auf dem Stolperstein vor.

„Das ist eine Aktion gegen das Vergessen. Es gibt zu viele Menschen in der Stadt, die davon nichts mehr wissen wollen. Es ist wichtig, dass die Stolpersteine glänzen gegen den braunen Nebel des Antisemitismus und gegen das Vergessen – ein politisches Zeichen für die Menschenwürde“, sagt der Vorsitzende des Vereins EL-DE-Haus, Dr. Wolfgang Uellenberg-van Dawen, an der Straße Auf dem Rothenberg, wo BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken den Stolperstein polierte, der an den jüdischen Bürger Josef Stein erinnert.
Josef Stein ließ sich von seiner jungen Frau scheiden, um sie und ihr Kind, die keine Juden waren, zu schützen. Mit 38 Jahren wurde er am 1. August 1943 in das KZ Theresienstadt deportiert und ein Jahr später am 28. September 1944 weiter nach Auschwitz gebracht, wo sich seine Spur verliert.

Dr. Uellenberg-van Dawen knüpfte an die Worte seiner Vorredner an: „Die Steine sollen glänzen. Glänzen gegen Gleichgültigkeit und Wegschauen, wo Menschen gedemütigt und diskriminiert werden. Die Stolpersteine sollen daran erinnern, welche Verbrechen Deutschland begangen hat und so gegen die ein Zeichen setzen, die die NS-Diktatur verharmlosen. … Wer die Vergangenheit verdrängt oder vergessen will, der nutzt den Tätern und wäscht sie und ihre Nachkommen und Nachfolger rein.

Dagegen setzen wir heute ein Zeichen – Glanz gegen Hetze, Glanz gegen rechts! Aber ebenso Glanz für das Engagement für Menschenrechte und für Menschenwürde und für eine starke Demokratie.“

Der Stolperstein am Heumarkt 47 erinnert an Hermann Voos, 1886 in Köln geboren, und seine Frau Irma Seligenbrunn, geb. 3.Juli 1889 in Diespeck / Franken. Die Kinder konnten die NS-Zeit durch rechtzeitige Flucht überleben. Hermann Voos war Eigentümer des Hauses und betrieb dort das Geschäft „Schuhwaren am roten Haus“. Im Jahr 1936 musste er dieses aufgrund antijüdischer Maßnahmen aufgeben, das Haus wurde versteigert. Am 22. Oktober 1941 wurde das Ehepaar in das Ghetto Litzmannstadt deportiert, im Mai 1942 im Vernichtungslager Chelmno / Kulmhof ermordet.

Hier öffnet sich ein weiteres Kapitel des Unrechts: Prozesse in der Nachkriegszeit, wo Richter aus der Nazi-Zeit weiter Recht sprechen durften und z.B. Enteignungen in der NS-Zeit für rechtmäßig erklärten. „Eine katastrophale Missdeutung einer demokratischen und korrekten Rechtsprechung“, betonte empört Prof. Dr. Wilhelm, Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Dr. Werner Jung putzte den Stolperstein in der Gürzenichstraße 24 für Frieda Löwenstein. Sie wurde 1882 als eines von sechs Geschwistern geboren. In den 1930er Jahren war sie als Untervertreterin des Generalvertreters Karl Weiss der Firma Karl Hemmes tätig. Im Herbst 1936 denunzierte die Ehefrau von Karl Weiss ihren Ehemann und Frieda Löwenstein wegen angeblicher „Rassenschande“. Karl Weiss wurde daraufhin Mitte Dezember 1936 wegen „versuchter Rassenschande“ zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Eine härtere Verurteilung wegen „vollzogener Rassenschande“ war nicht möglich, da Frieda Löwenstein sich weigerte, eine belastende Aussage gegen ihn zu machen.

Frieda Löwenstein wurde am 22. Oktober 1941 aus Köln in das Ghetto Litzmannstadt deportiert und im Mai 1942 im Vernichtungslager Chelmno / Kulmhof ermordet.

Im Steinweg sagte Geiger Markus Reinhardt: „Wir tragen die Geschichte unserer Alten in uns, wir sind Kölner Zigeuner“. Viele seiner Verwandten wurden in Auschwitz ermordet.
Seine Großeltern lebten im damals so genannten „Zigeunerlager“ in Bickendorf, errichtet 1935. Als die Nazis es 1940 räumten und die Bewohner verhafteten, sagte der Großvater von Markus Reinhardt zu seiner Frau und den zwölf Kindern: „Alle, die lebend rauskommen, treffen sich wieder in Köln.“ Und sie kamen zu Fuß nach Köln… (Die Vorgeschichte des Projekts Stolpersteine, welches ursprünglich aus dem Gedenken an die verfolgten Sinti und Roma in Köln entstand, ist noch heute in unmittelbarer Nähe – direkt vor dem Eingang zum Historischen Rathaus – zu sehen.)

Gisela Sereth wurde 1895 in Hamburg geboren. Am 22. Oktober 1941 wurde sie von Köln aus in das Ghetto Litzmannstadt deportiert, von dort im Mai 1942 in das Vernichtungslager Kulmhof deportiert und wenige Tage nach ihrer Ankunft ermordet. Ihre letzte Anschrift in Köln war das Haus Sternengasse 3, eines der rund 270 Ghettohäuser in Köln, in denen die jüdischen Einwohner*innen ab Mai 1941 zwangsweise leben mussten.

Die Gedenksteine erinnern heute individuell an das Schicksal der Verfolgten und werfen gleichzeitig Fragen nach Täter- und Mittäterschaft auf.

„Liegen Stolpersteine vor Ihrem Haus oder in Ihrer Straße? Sind Sie auf dem Weg zur Schule, zur Arbeit oder zur Bahn auf Stolpersteine aufmerksam geworden? Dann beteiligen Sie sich bitte an der gemeinsamen Putzaktion. Wir möchten diese wertvollen und wichtigen Erinnerungsmale wieder zum Glänzen bringen“, – heißt es in dem Aufruf der Initiatoren.

N.M.

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